Super-El-Niño über Costa Rica

03.09.2026

Was jetzt auf das Land zukommt

Stand: 3. September 2026

Costa Rica steckt mitten in einem der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen. Was das konkret bedeutet, hängt stark davon ab, wo im Land du gerade bist: Während Guanacaste austrocknet, hatte die Karibikküste zuletzt überdurchschnittlich viel Regen. Dieser Artikel ordnet die aktuelle Lage ein — Region für Region.

Was El Niño überhaupt ist

El Niño ist eine natürliche Klimaschwankung. In unregelmäßigen Abständen erwärmt sich die Wasseroberfläche des äquatorialen Pazifiks deutlich über den Normalwert. Ab einer Abweichung von einem halben Grad Celsius sprechen Meteorologen von der „warmen Phase”. Weil der Pazifik ein gewaltiger Wärmespeicher ist, verschiebt diese Erwärmung die Luftströmungen weit über die Region hinaus — bis nach Mittelamerika.

Für Costa Rica gilt dabei eine einfache Grundregel: El Niño trocknet die Pazifikseite und das Zentraltal aus und bringt der Karibikseite tendenziell mehr Regen.

Wie stark ist dieser El Niño?

Sehr stark. Die US-Wetterbehörde NOAA hat eine El-Niño-Warnung ausgegeben und beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein „sehr starkes” Ereignis im Herbst und Winter 2026/27 auf über 90 Prozent. Für das Quartal Oktober bis Dezember besteht eine Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent, dass dieses Ereignis alle seit 1950 dokumentierten El-Niño-Phasen übertrifft.

Das costa-ricanische Instituto Meteorológico Nacional (IMN) stuft die bis August beobachtete Intensität als „stark” ein und hält für September bis November eine „sehr starke” Phase für möglich — das entspricht einer Erwärmung von mehr als zwei Grad über dem Durchschnitt. Der Höhepunkt wird zum Jahresende erwartet. Auch wenn das Phänomen Anfang 2027 abzuklingen beginnt, können die Folgen für das Wetter bis in den April 2027 spürbar bleiben.

Der Nordwesten: Guanacaste trifft es am härtesten

Die Provinz Guanacaste und der gesamte Nordpazifik sind die am stärksten betroffene Region des Landes.

Für das Quartal August bis Oktober rechnet das IMN dort mit einem Regendefizit von bis zu 60 Prozent. Der August fiel sogar mit bis zu 80 Prozent unter den Normalwert aus. Gleichzeitig liegen die Temperaturen 1,5 bis 2 Grad über dem Durchschnitt; in Teilen Guanacastes werden Spitzenwerte bis 40 Grad erwartet.

Die Landwirtschaft spürt das bereits. Reisanbauer in Guanacaste und Puntarenas haben die Aussaat in dieser Saison komplett ausgesetzt. Für die Viehwirtschaft sagen Fachleute einen Rückgang des Weidewachstums um bis zu 75 Prozent in den trockensten Zonen voraus.

Das Zentraltal: Dürre erreicht den Großraum San José

Im Zentraltal liegt das erwartete Defizit für August bis Oktober bei rund 40 Prozent, die Temperaturen ein bis anderthalb Grad über normal.

Wichtiger als die Zahl ist die Ausbreitung: Die meteorologische Dürre hat sich in den vergangenen Wochen von der Pazifikküste ins Zentraltal und in die westliche Nordzone ausgedehnt. Die nationale Notstandskommission CNE hat für 49 Kantone den Notstand erklärt — darunter Kantone im Ballungsraum San José wie Tibás, Moravia, Montes de Oca, Santa Ana und Escazú.

Der Süden: weniger Regen, aber ungleichmäßiger verteilt

Der Pazifische Süden rund um Osa und Golfito liegt in derselben Größenordnung wie das Zentraltal: etwa 40 Prozent Defizit im Quartal August bis Oktober, Temperaturen ein bis anderthalb Grad über normal.

Entscheidend ist hier weniger die Gesamtmenge als ihre Verteilung. Das IMN weist ausdrücklich darauf hin, dass El Niño nicht nur die Monatssumme drückt, sondern das Muster verändert: sehr heftige Güsse an wenigen Tagen, danach mehrere Tage fast ohne Niederschlag. Für alles, was von gleichmäßiger Bodenfeuchte lebt — Landwirtschaft, Gärten, kleine Wasserfassungen — ist das eine schlechtere Nachricht als die bloße Prozentzahl vermuten lässt.

Immerhin: Innerhalb der Pazifikseite verzeichnet der Süden weiterhin die höchsten Wochensummen.

Die Karibik: nass — aber nicht so nass wie sonst bei El Niño

An der Karibikabdachung dreht sich das Vorzeichen um. Für August bis Oktober erwartet das IMN dort rund 15 Prozent mehr Niederschlag als im Mittel. Ab November beginnt im Pazifik und im Zentraltal die Trockenzeit, während die Karibik im Quartal November 2026 bis Januar 2027 normale Bedingungen behalten soll.

Bemerkenswert ist der aktuelle Vierwochenausblick des IMN für den Zeitraum 7. September bis 4. Oktober. Das Trockendefizit an der Pazifikseite, im Zentraltal und in der westlichen Nordzone hält an — verstärkt dadurch, dass zum bestehenden El Niño ungewöhnlich kräftige Passatwinde kommen. Für September nennt das IMN dieses Verhalten „sehr atypisch”. Karibik und Nordzone bleiben in den ersten beiden Septemberwochen niederschlagsreich, kehren in der letzten Septemberwoche zur Norm zurück, und für die Woche vom 28. September bis 4. Oktober erwartet das Institut trockene Bedingungen im gesamten Land — dann also auch an der Karibikküste.

Was das im Alltag bedeutet

Die nationale Kontingenzstrategie zum El Niño 2026 nennt sieben betroffene Sektoren: Energie, Wasser und Abwasser, Landwirtschaft, Fischerei, Bau, Tourismus und Gesundheit.

Strom. Rund 70 Prozent des costa-ricanischen Stroms stammen aus Wasserkraft. Die Zuflüsse zu den Stauseen sollen in diesem Jahr um 15 bis 25 Prozent zurückgehen. Der Energieversorger ICE hat bestätigt, dass in dieser Saison Bunkeröl verstromt werden muss, um die Nachfrage zu decken — teurer Strom, mit entsprechendem Druck auf die Tarife.

Wasser. Die Notstandserklärung für 49 Kantone bedeutet in der Praxis unter anderem die Verteilung von Wasser per Tankwagen in besonders betroffenen Gemeinden.

Lebensmittel. Zwischen Januar und Juli stiegen die Tomatenpreise um 174 Prozent, Paprika um 49 Prozent, Zwiebeln im Jahresvergleich um mehr als 60 Prozent.

Tourismus. Wasserstress an Zielen im Nord- und Zentralpazifik kann laut Kontingenzstrategie zu betrieblichen Einschränkungen bei Hotels und Dienstleistern führen.

Meer und Fischerei. Die anomale Erwärmung des Pazifiks lässt Fischarten in tiefere oder kältere Gewässer abwandern, was Fangmengen und Muschelernte reduziert.

Der Vergleichsmaßstab: 2014/15

Fachleute im Land ziehen durchgängig den El Niño von 2014/15 als Referenz heran. Damals verzeichnete Guanacaste rund 55 Prozent weniger Regen, während Teile der Karibik bis zu 60 Prozent mehr abbekamen. Die Folge war zunächst ein Dürre-Notstand an der Pazifikseite — und Monate später ein Überschwemmungs-Notstand in Teilen der Karibik. Die CNE stellte seinerzeit rund 5 Milliarden Colones bereit und unterstützte mehr als 12.500 Erzeuger.

Diese Doppelseitigkeit ist der Grund, warum „El Niño gleich Trockenheit” zu kurz greift. Für die Atlantiksaison wird zwar eine unterdurchschnittliche Hurrikanaktivität mit 9 bis 12 Systemen statt der üblichen 14 erwartet — Starkregenereignisse an der Karibikseite schließt das aber nicht aus.

Der kritische Zeitraum

Aus heutiger Sicht ist die Trockenzeit 2026/27 der entscheidende Abschnitt. Sie fällt mit dem Intensitätsmaximum des Ereignisses zusammen, und die Nachwirkungen reichen bis in den April oder Mai 2027. Wer in Costa Rica plant — beruflich oder als Reisender — sollte diesen Zeitraum im Blick behalten und die monatlichen Aktualisierungen des IMN verfolgen.

Quellen
Instituto Meteorológico Nacional (IMN), Pronóstico subestacional, gültig 7. September bis 4. Oktober 2026: https://www.imn.ac.cr/pronostico-subestacional
IMN, Pronóstico climático (Saisonprognosen, Archiv und aktuelle Ausgabe): https://www.imn.ac.cr/pronostico-climatico
NOAA Climate Prediction Center, ENSO Diagnostic Discussion: https://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/analysis_monitoring/enso_advisory/ensodisc_Sp.shtml
Infobae Costa Rica, 18.08.2026, zur möglichen „sehr starken” Phase ab September: https://www.infobae.com/costa-rica/2026/08/18/costa-rica-el-nino-podria-alcanzar-una-intensidad-muy-fuerte-desde-septiembre-segun-expertos/
La Nación, 22.07.2026, Saisonprognose August bis Oktober: https://www.nacion.com/sucesos/imn-proyecta-menos-lluvias-en-cinco-regiones-de/J3SOW3ABEVHC5B7JHIH7XYT66Y/story/
La Nación, 13.06.2026, zur Estrategia Nacional de Contingencia al Fenómeno de El Niño 2026: https://www.nacion.com/el-pais/el-nino-amenaza-agua-electricidad-y-sectores/CBNGCSDG7FBLXKUB2HRIYKXAMA/story/
Infobae Costa Rica, 19.07.2026, Temperatur- und Niederschlagsanomalien nach Regionen: https://www.infobae.com/costa-rica/2026/07/19/costa-rica-se-prepara-para-una-sequia-con-70-menos-de-lluvia-en-el-pacifico-norte-segun-expertos/
The Tico Times, 07.08.2026, Auswirkungen auf Landwirtschaft, Strom und Lebensmittelpreise: https://ticotimes.net/2026/08/07/costa-rica-el-nino-drought
La República, 02.06.2026, Notstandserklärung für 49 Kantone und ICE-Stellungnahme: https://www.larepublica.net/noticia/como-impactara-el-fenomeno-el-nino-a-costa-rica
UNA Comunica, 05.06.2026, Vergleich mit dem Ereignis 2014/15: https://www.unacomunica.una.ac.cr/index.php/junio-2026/6850-el-nino-amenaza-con-un-ano-mas-calido-y-seco-para-costa-rica
Ojo al Clima, 13.04.2026, Prognose zur Atlantik-Hurrikansaison: https://ojoalclima.com/articles/el-nino-tiene-60-de-probabilidades-de-aparecer-en-este-2026

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